Nur die Harten komm’ in den Garten

Besorgt runzelt mein Arzt die Stirn: „Und wieso genau haben Sie keine Stühle in Ihrem Vorlesungssaal?“. Ich seufze. Nachdem er mir vor 2 Minuten eröffnet hat, dass ich die Rückenhaltung einer 80 jährigen Frau habe, muss ich ihm nun erklären, woher diese Rückenbeschwerden genau kommen. „Naja…“ beginne ich „Es hat ja auch Vorteile…man kann zum Beispiel super im Plenum diskutieren.“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich 80 Studierende, die auf kotzgrünen Stufen sitzen oder liegen. Keiner von ihnen hat die Lust sich zu Wort zu melden. „Außerdem ist die Akustik ganz gut, das ist auch wichtig, das Mikro geht nämlich über die Hälfte der Zeit nicht.“ Mein Arzt schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber das ist schon ein Studium was Sie da machen, oder?“ Ich nicke, vielleicht ein wenig zu betont. „Und das ist bequem?!“ will er mit ungläubiger Miene wissen. „Naja, da ist halt ein kratziger Teppich verlegt, dem man zutraut, dass er neuartige Milbenkulturen heranzüchtet. Besonders weich ist der Untergrund nicht, außer natürlich man hat da Glück und hat ein Kissen ergattern können.“ „Ein Kissen?“ echot mein Arzt „Sie meinen, so wie bei den Senioren im Kirchenchor, damit sie keine Blasenentzündung bekommen?“ „Ja genau…“ ich verstumme, da sich auf seinem Gesicht nun ein amüsiertes Grinsen zeigt. „Aber das Mitschreiben auf den Knien hat auch was Gutes“ fahre ich fort „Dadurch, dass es so beschissen unbequem ist, schreibt man wirklich nur das Nötigste mit – da lernt man gleich, sich kurz zu fassen. „Tja, wenn das in der Vorlesung funktioniert, wieso nicht“ räumt er ein. „Joa…“ entgegne ich und während ich weiterspreche merke ich bereits, wie ich das hart erarbeitete Selbstbewusstsein für meinen Studiengang Stück für Stück auseinander nehme: „Was heißt funktionieren. Es läuft eben anders ab, als in klassischen Hörsäälen…Wenn es einem beim Konzentrieren hilft, kann man nebenbei gut Stricken, sich gegenseitig massieren, Päckchen packen, sich ausstrecken und ich glaube manche machen auch manchmal ein Nickerchen.“ Ich gebe auf. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Augen des Arztes bereits mit Tränen gefüllt und er hält sich vor Lachen den Bauch. „Vielleicht sollte ich auch noch mal studieren.“ stammelt er durch sein Lachen hindurch. „Sowas hab ich ja in 12 Semestern Medizin noch nicht erlebt.“ Er wischt sich über die Augen und greift zum Rezeptblock. „Ich schreibe Ihnen was gegen die Rückenschmerzen auf und hoffentlich sehen wir uns dann nicht ganz so bald wieder.“ 2 Minuten später ziehe ich mir beim Verlassen der Praxis die Jacke über und schiele auf das Rezept: 8 Mal Krankengymnastik und ein klappbarer Campingtisch.

Wer bin ich? Und wen ja, wie viele?

Samstag Morgen, 9.18 Uhr. Ich überlege, was ich an normalen Samstagen um diese Uhrzeit mache. Ob ich sonst überhaupt um diese Uhrzeit schon wach bin? Egal, nun bin ich hier, samstags morgens – Blockseminar. „So, dann erzählen Sie doch bitte erst mal, wer Sie sind, was Sie von der Veranstaltung erwarten und wieso Sie ausgerechnet dieses Seminar gewählt haben.“ Während ich mir anhöre, dass meine Kommilitonen „das Thema echt spannend“ finden, mancher nur in seiner Drittwahl gelandet ist und irgendwie so gar nicht weiß, was er oder sie erwarten soll, überlege ich selbst, wieso ich dieses Seminar eigentlich gewählt habe. Ich will nicht die 12. Person sein, die sagt, dass sie das Thema spannend findet, aber wie sonst soll ich meine Wahl begründen? Während ich so in meine Gedanken versunken bin, bemerke ich, dass es auf einmal still ist. Alle starren mich an – ich bin an der Reihe. „Äh…“ beginne ich überrumpelt meinen Satz. „Hallo, ich bin Karla….mehr fällt mir auch gerade nicht ein.“ Klasse. Super gemacht. Das findet anscheinend auch die Dozentin, die mich stirnrunzelnd begutachtet. Sogleich setzt sie aber wieder eine freudige Miene auf: „Okay, das war das Organisatorische, jetzt will ich, dass wir uns auch persönlich ein bisschen besser kennen lernen. Deshalb stellt sich jetzt mal jeder hinter seinen Stuhl und berichtet der Gruppe gleich, wer da auf seinem Stuhl sitzt. Wie ist die Person heute aufgestanden? Was hat sie so gefrühstückt? Wie geht’s so allgemein?“

Begeistert und erwartungsvoll sieht sie in die Runde. Hier und da werden einige Stühle gerückt und nach und nach stellt sich jeder hinter seinen Platz. Diesmal darf ich beginnen. „Ja….puh. Auf meinem Stuhl, da sitzt die Karla…“ Was mach ich hier eigentlich? Ruft eine laute Stimme in meinem Kopf. Ich ignoriere sie und überlege weiter. „Aufgestanden ist sie so um kurz nach halb neun und..“ „WIE ist sie aufgestanden?“ unterbricht mich die Dozentin. Ich starre sie an. „Naja, erst hat sie das linke Bein aus dem Bett gehoben, dann das rechte und dann hat sie sich hingesetzt…“ Ich verstumme, als ich sie den Kopf schütteln sehe. Jetzt spricht sie mit mir, als sei ich 5 Jahre alt: „Wie ist Karla aufgestanden? Mit welchem Gefühl?“ „Ich war verdammt müde“ entgegne ich. Die Dozentin blickt lächelnd in die Runde „Müdigkeit? Ein Gefühl?“ Manche meiner Kommilitonen schütteln mitleidig den Kopf, als hätte ich gerade meine feste Überzeugung geäußert, dass 1 + 1 gleich 3 sind. Die nächste halbe Stunde wiederholten wir im „Schnelldurchlauf“, wie sie es nennt, was ein Gefühl ist und was nicht. Die ganze Zeit über stehen wir natürlich hinter unseren Stühlen. Ich wiege mich von einem Bein aufs andere und strenge mich an, nicht einzuschlafen. Mittlerweile stelle auch ich mir die Frage, wieso ich dieses Seminar gewählt habe.

Dann darf ich weitermachen. „Was waren noch mal die anderen Fragen?“ „Was haben Sie gefrühstückt und wie geht es Ihnen?“ „Mh, gefrühstückt habe ich eigentlich nicht, …“ Wieder stoppt mich die Dozentin: „Sie. Karla. Nicht die Ich-Form benutzen. Sie stellen die Person auf Ihrem Stuhl ja vor.“ Ich schließe kurz die Augen, atme tief durch, dann fahre ich fort: „Karla hat nichts gefrühstückt, sie war noch satt vom Döner heute Nacht.“ Irritiert schaut mich die Dozentin an, doch bevor sie mich noch einmal unterbrechen kann, rede ich schnell weiter: „Allgemein geht es Karla super, sie bräuchte nur nen Liter Wasser.“ Die Dozierende haut sich an die Stirn „Ach, stimmt, über die Pausenregelung haben wir ja noch gar nicht gesprochen! Aaaalso, ich handhabe das meistens so…“ Während sie berichtet, dass wir um 12 Mittagspause machen, schiele ich auf meine Uhr: Gleich halb 12.

An einem normalen Samstag würde ich jetzt aufstehen.

Quadratisch – praktisch voll

Meine Augen wandern über den Tagesplan im Foyer. Als ich mein Seminar finde und sehe, dass es in Raum A7 stattfinden würde, breche ich in Schweiß aus. Rasch blicke ich auf die Uhr – noch 3 Minuten bis zum Seminarbeginn. Ich haste die Treppe hinauf, reiße die Tür zum Raum auf und 18 Augenpaare richten sich auf mich. Von diesen Augenpaaren sitzen ca. 15, die anderen stehen etwas ratlos im Raum herum, zwei haben einen Stuhl in der Hand, finden jedoch offensichtlich keinen Platz, wo sie ihn abstellen können. Mein Blick huscht durch das Zimmer. Verdammt, ich war zu spät. Schnell eile ich hinaus und schnappe mir den erstbesten Stuhl, der im Flur herum steht. Viel zu spät, denn als ich ihn bereits in die hinterste Ecke manövriert habe, bemerke ich, dass er kaputt ist und ich mich vorsichtig und reglos hinsetzen muss, damit er nicht unter mir weg kracht. Es bleibt keine Zeit mehr für einen neuen.

Die anderen 3 ohne Sitzplatz zwängen sich in alle möglichen Ecken und quasi unter den Mülleimer. Der Dozent kommt herein. „Oh, das wird kuschelig dieses Semester, aber immerhin geht der Beamer hier im Raum.“ Wir lachen gekünstelt und ich zwänge meinen Arm an meiner Nachbarin (wenn man die Person, die einem schräg vor sich die Sicht versperrt so nennen kann) vorbei und öffne ein Fenster, da ich bereits erste Symptome der Atemnot verspüre. „So….hier auf der Liste habe ich 25 Leute, wie viele sind wir denn gerade?“ 25 Leute? Ich spüre, wie sich Panik in mir breit macht. Ungern würde ich während eines Seminars jemanden auf den Schoß nehmen. Da öffnet sich auch schon die Tür und 3 von den Fehlenden wollen den Raum betreten. Abgehalten werden sie davon durch sich kreuzende Beine, von den Stühlen hängenden Jacken und der Luft, die mittlerweile trotz geöffnetem Fenster an eine Jungs Umkleide im Sportverein erinnert. Stühle können sich die Nachzügler keine mehr holen, im Flur sind alle vergriffen. Macht nichts, setzen sie sich halt im Schneidersitz auf den Boden. Lässt sich sowieso viel besser Häkeln so.

Während der Dozent seinen Vortrag beginnt, spüre ich, wie der Stuhl unter mir knackt. Ich erhebe mich ein paar Zentimeter, um den Stuhl zu entlasten. Das halte ich ca. 30 Sekunden durch, dann bekomme ich einen Krampf im Oberschenkel. Während ich mir noch vornehme, mehr Sport zu machen, ist der Dozent mittlerweile bei seiner 4. Folie angelangt. Noch weiß ich nicht, was das Thema ist. Mir fällt auf, dass ich vergessen habe vor dem Seminar auf Toilette zu gehen. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, mein Gesicht Richtung Fenster zu halten, um genug Sauerstoff zu bekommen und mir gleichzeitig mögliche Fluchtwege aus meiner Zimmerecke zu überlegen, falls meine Blase die Zeit doch nicht durchhält.

Von Erleichterung durchflutet, begebe ich mich 1 Stunde später ins Foyer. Suchend schweift mein Blick über den Tagesplan, um herauszufinden, wo meine nächste Veranstaltung stattfindet. Ich schlucke und bin den Tränen nahe, denn da steht es, schwarz auf weiß: A7.